Die alttürkischen Inschriften und die ‚Runen-Schrift‘

Die Türkvölker verwendeten im Laufe ihrer Geschichte und verwenden noch immer eine Mehrzahl von Schriften. Das liegt primär an den intensiven Kontakten mit anderen Kulturen und der Übernahme von verschiedenen Religionen. Auch politische Gründe spielten manchmal eine Rolle.
Heutzutage verwenden die Türken in der Türkei und viele andere Türkvölker die lateinische Schrift mit zusätzlichen Sonderbuchstaben, um die Laute ihrer Sprachen genauer darstellen zu können. Eine andere große Gruppe verwendet die kyrillische Schrift, die sie von den Russen übernommen hat. Lange Zeit wurde bei den muslimischen Türken des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit das perso-arabische Alphabet, eine Variation der arabischen Schrift, benutzt.

Die erste Schrift, welche die Türken zum Schreiben ihrer eigenen Sprache verwendeten, ist die alttürkische Schrift (s. Foto oben), die auch Orchon-Schrift oder wegen ihrer äußerlichen Ähnlichkeit mit den germanischen Runen „Runen-Schrift“ genannt wird. Der Name „Orchon-Schrift“ rührt von der Region der ersten alttürkischen Inschriften in dieser Schrift her, die sich im Orchon-Tal in der heutigen Mongolei befinden.

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Orchon-Tal
Selengerivermap
Geographische Lage des Orchon in der heutigen Mongolei

Die Inschriften aus dieser Region, die ersten gefundenen Schriftzeugnisse in einer Türksprache überhaupt, sind Stein-Inschriften, die historische Zeugen von politischen und militärischen Ereignissen sind. Die größten und bekanntesten Inschriften, nämlich Bilge Kagan, Kül Tigin und Tonyukuk, wurden nach historischen Personen im Reich der Türk (552-766) benannt, für die sie errichtet worden waren und die in den Texten namentlich vorkommen. Bilge Kagan war jahrelanger Kagan (alttürkisch für etwa ‚Großkönig‘) der Türk, der von seinem Bruder Kül Tigin und seinem weisen Berater Tonyukuk assistiert wurde. Neben wichtigen politischen Ereignissen handeln diese Inschriften von militärischen Auseinandersetzungen mit den benachbarten Chinesen und von anderen, teilweise inneren, Konflikten. Ferner werden neben den Ruhmestaten und Erfolgen auch Niederlagen und Probleme der Steppenbewohner angesprochen. Der erzählende Kagan wendet sich dabei rhetorisch recht kunstvoll an seine Fürsten sowie sein einfaches Volk und gibt ihnen Ratschläge.
Ferner wurden zahlreiche andere, kleinere alttürkische Inschriften im Gebiet der Mongolei und zusätzlich in der davon nördlich gelegenen Jenissei-Region in Südsibirien, im heutigen Russland, gefunden. Auch hier treffen wir oft auf politische und militärische Berichte. Jedoch finden sich interessanterweise in den Jenissei-Inschriften eine große Anzahl von persönlichen Erzählungen, die an Klagelieder (vgl. Türkisch ağıt) erinnern.
Die oben erwähnten großen Inschriften wurden im ersten Drittel des 8. Jh. errichtet, während die älteste alttürkische Inschrift aus dem Ende des 7. Jh. stammt.

Bilge_Tonyukuk_-_Orkhon_Inscriptions
Die Bain Tsokto-Inschriften von Bilge Tonyukuk in der Mongolei. Im Gegensatz zu den anderen großen Stelen wurden diese Inschriften zu Lebzeiten Tonyukuks errichtet (ca. 716). Der Erzähler ist Bilge Tonyukuk selbst.

Obwohl die alttürkische Schrift von ihrer Form her für die Schreibung von Inschriften gut geeignet war, gibt es dennoch eine kleine Zahl von Texten in dieser Schrift auf Papier. Das berühmteste Beispiel ist das Buch mit dem alttürkischen Namen Irk Bitig (dt. das „Omen-Buch“). Dieses kleine Buch wurde im 9. Jh. in einem manichäischen Kloster verfasst und handelt hauptsächlich von Wahrsagungen. Gefunden wurde es Anfang des 20. Jh. in den Dunhuang-Höhlen in der chinesischen Provinz Gansu.
Wichtig ist an diesem Werk, dass es einen guten Einblick in das geistige Leben sowie den Alltag der damals teilweise schamanistischen Türken gewährt. Da die Schrift nicht in Stein gemeißelt oder geritzt werden musste, sondern auf Papier geschrieben wurde, unterscheidet sich das Erscheinungsbild derselben Schrift etwas von der obigen Form.

Irk_Bitig_omen_11
Omen 11 des Irk Bitig. Quelle: International Dunhuang Project, British Library.

Über den Ursprung der alttürkischen Schrift gibt es mehrere verschiedene Thesen, jedoch konnte keine davon eindeutig bewiesen werden und die Diskussion über die Herkunft setzt sich fort. Eine unter Wissenschaftlern verbreitete These ist, dass die Schrift ein Abkömmling der phönizisch-semitischen Schrift sei, von der schließlich auch unter anderem die lateinische, griechische, kyrillische und arabische Schrift abstammen. Ihrer Meinung nach hätten die Türken die Schrift unter Einfluss der iranischsprachigen Sogder, die im Reich der Türk eine wichtige Position als Händler und Diplomaten besaßen, entwickelt. Die Sogder waren schon länger schreibkundig und verwendeten für eigene ihre Sprache die sogdische Schrift, die auf die aramäische Schrift zurückgeht, diese wiederum auf die oben genannte phönizische.1 Aus dieser sogdischen Schrift hätten die Türken dann ihre eigene Schrift entwickelt.
Von anderer Seite wird jedoch entgegengehalten, dass viele Buchstaben ihren Ursprung in türkischen Tamgas hätten. Tamgas (Türkeitürkisch damga) sind hauptsächlich Brandzeichen mit Emblemen der jeweiligen nomadischen Stämme und Clans der Steppe. Diese Tamgas konnten unter anderem Totemtiere oder einfache Zeichen sein. Tatsächlich erinnern einige der alttürkischen Buchstaben an Tamgas. Interessent ist hierbei, dass einige Buchstaben wie die zu darstellenden Referenten aussehen. Hier ein Beispiel, um es verständlicher zu gestalten: Der Buchstabe für den Laut /y/ (wie Deutsch j) oder sie Silbe ay sieht in der alttürkischen Schrift aus wie ein zunehmender Halbmond (links). In der Jennisei-Variante sieht der Buchstabe sogar wie ein Vollmond (rechts) aus:

Diejenigen unter euch, die wenigstens etwas Türkisch verstehen, könnten jetzt ein Aha-Erlebnis erlebt haben, denn ay bedeutet im Alttürkischen sowie im modernen Türkischen, ihr habt es erraten, „Mond“.
Aus diesen Gründen ist eher davon auszugehen, dass der Ursprung dieser Schrift in einem Zusammenspiel aus beiden Thesen zu finden ist: eine semitisch inspirierte Schrift mit teils semitischen und teils genuin-türkischen Buchstaben. Geschrieben wird die alttürkische Schrift von rechts nach links, sie ist also linksläufig.

Kommen wir schließlich zum Alphabet selbst. Ihr kennt jetzt den ungefähren Ursprung der Schrift und dass sie von rechts nach links, meist auf Stein, geschrieben oder geritzt wurde. Das Alphabet selbst ist eine Mischung aus einer phonetischen Schrift und einer Silbenschrift. Das Besondere an diesem Alphabet ist, dass es für eine Mehrzahl von Konsonanten jeweils zwei Buchstaben gibt, und dass die Vokalbuchstaben jeweils zwei Vokallaute gleichzeitig darstellen. Der Grund ist, dass alle Türksprachen die Vokalharmonie kennen.  Das bedeutet, dass alle einfachen Wörter im Türkischen nur eine Klasse von Vokalen enthalten dürfen, entweder vordere Vokale oder hintere. Vordere Vokale sind diejenigen, die im Mundraum weiter vorne artikuliert werden: e, i, ö und ü. Die hinteren werden dagegen weiter hinten ausgesprochen: a, ı, o, u. Ihr könnt es selbst praktisch überprüfen. Artikuliert einfach mal ein ü und streicht mit der Zunge nach hinten Richtung Rachen. Ihr werdet sicherlich bei einem u landen. Deshalb gibt es z. B. ein hinteres t (t¹) und ein vorderes t (t²). Das ist beim Lesen und Schreiben dieser Schrift sehr wichtig. Das Wort tuz „Salz“ wird mit einem anderen t geschrieben als das Wort tüz (Ttü. düz) „flach, eben“. Hier beide Wörter im Vergleich:

Schließlich bekommt ihr noch das ganze Alphabet zu sehen:

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Harfler = Buchstaben; Yazıçevrimi = Transliteration; Ses Değerleri = Lautwerte. Tafel aus: Tekin, Talat: Orhon Türkçesi Grameri. Istanbul 2003.

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Mit den neuesten Betriebssystem, sei es Windows oder macOS, solltet ihr die Schrift im Internet ohne Installation von Tools o.ä. lesen können. Sie ist im aktuellen Unicode enthalten. Damit diejenigen, die nicht in den Genuss von neuester Software kommen können, aber das Alttürkische hier auch lesen können, habe ich die Buchstaben und Wörter als Bilddateien hochgeladen. Um die Schrift schreiben zu können, müsst ihr dagegen ein Font installieren. Im Internet gibt es mehrere Fonts mit alttürkischen Buchstaben und ihr werdet schnell fündig.

Das soll es fürs Erste gewesen ein. Sollte es Interesse geben, kann ich noch mehr Infos zu der Schrift und den Inschriften schreiben. Lasst dafür unten ein Kommentar da.

 

1Phönizisch-Punisch ist eine antike semitische Sprache, die von den Phönizieren gesprochen wurde. Auch Hannibal von Karthago sprach wahrscheinlich diese Sprache. Die Sprecher dieser Sprache entwickelten die phönizische Schrift, von der alle bekannten alphabetischen Schriften abstammen, auch die lateinische, die wir benutzen.

6 Kommentare zu „Die alttürkischen Inschriften und die ‚Runen-Schrift‘

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  1. Ich suche schon seit langem eine Zusammenfassung über den Inhalt der Orchon Runen. Hier ist eine ganz kurze Andeutung vorhanden. Wäre es wirklich zuviel verlangt den Inhalt ebenfalls erfahren zu dürfen? Oder interessiert es niemanden. Nach dem Motto, sobald wir die Runen lesen können ist unser Interesse gestillt.

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